Alibi Zugvogel
Alibi Zugvogel
Seit Ende Oktober 2005 leiden Hobbyhalter und ihr Geflügel schwer unter der deutschlandweiten Aufstallpflicht. Als Schuldige werden uns von der Regierung die Zugvögel präsentiert. Erinnern wir uns:
"Geänderte Gefahrenlage"
Am 19. Oktober 2005 begründete Bundes-Verbraucherminister Trittin die sowohl für gewerbliche wie auch für Hobby-Geflügelhalter ab 22. Oktober geltende Eilverordnung zur Stallpflicht mit einer "geänderten Gefahrenlage", da jetzt der gefährliche H5N1-Virus auch im europäischen Teil Russlands nachgewiesen worden sei und von dort "direkter Vogelzug" nach Deutschland stattfinde. Die Vogelgrippe habe die Region rund 300 Kilometer südlich von Moskau erreicht und war so weiter Richtung Westen "vorgedrungen". 1) Das Gespenst einer mit jeder Wildvogelbewegung weiter vordringenden Seuche war geboren, die Zugvögel als weltweit vagabundierende Virenschleudern dingfest gemacht.
Heimlicher Freispruch für die Zugvögel
Nur mit detektivischem Spürsinn konnte man eine Woche später in der Auslandspresse finden, wie die toten Vögel bei Moskau, die für die "geänderte Gefahrenlage" herhalten mussten, wirklich infiziert worden waren. Der Chef-Veterinär am Moskauer Zoo ließ am 27. Oktober in der RIA Novosti verlauten, dass nicht Vogelzug, sondern illegaler Geflügelhandel für den Vogelgrippefall verantwortlich war. Darüber hinaus habe bisher niemand nachweisen können, dass Wildvögel Überträger der Vogelgrippe sind. 2)
Zugvögel sind Opfer, nicht Täter
Auf den Seiten des NABU war schon im September 2005 zu lesen: Zahlreiche Organisationen und Wissenschaftler - darunter die internationale Naturschutzorganisation BirdLife und die Welternährungsorganisation (FAO) - bezweifeln, dass das Vogelgrippe-Virus durch Zugvögel verbreitet wird. Vielmehr sei belegt, dass sich das Virus H5N1 bereits in Asien nur über den Weg der Geflügelhaltung und -vermarktung Richtung Westen ausgebreitet haben kann. 3)
"Keine ausgeprägten Zugbewegungen mehr"
Zur selben Erkenntnis kommen Wolfgang Fiedler, Stefan Bosch, Anja Globig & Franz Bairlein am 25. Oktober in der Zeitschrift "Vogelwarte 43, 2005": Trotz umfangreicher Probennahme sei es in keinem einzigen Fall gelungen, in einem klinisch gesunden Wildvogel das H5N1-Virus zu isolieren. Alle derartigen Nachweise des Virustyps bezögen sich ausschließlich auf kranke oder tote Vögel, die bis Frühjahr 2005 alle aus der unmittelbaren Umgebung von befallenen Geflügelhaltungen stammten. An H5N1 erkrankte Wirtsvögel könnten sehr wahrscheinlich keine ausgeprägten Zugbewegungen mehr durchführen. Ein direkter Beweis einer signifikanten Rolle der Wildvögel bei der Übertragung von hoch pathogenen Vogelgrippe-Erregern auf Hausgeflügelbestände sei bislang nicht erbracht worden. 4)
Tote Enten fliegen nicht
Der BBC-Wildlife-Publizist Dr. Martin Williams bringt es auf den Punkt: Tote Enten fliegen nicht! Berichte, Zugvögel würden den Vogelgrippe-Erreger H5N1 verbreiten, seien Humbug. Auf einer Karte verdeutlicht Williams, dass zum Zeitpunkt des letzten Seuchenausbruchs in Korea im Dezember 2003 und in Japan im Januar 2004 die Zugvögel diese Länder bereits verlassen hatten. Und als die Krankheit zuvor im südlicher gelegenen Indonesien erstmals aufgetreten war (Ende August/September 2003), waren diese Zugvögel noch nicht einmal angekommen. Die Ausbreitung der Vogelgrippe und die Wanderbewegungen der Vögel seien demnach weder snychron noch gleichgerichtet verlaufen. 5)
Wo bleibt die Konsequenz?
Statt nun Konsequenzen zu ziehen und die Eilverordnung unverzüglich wegen Irrtums oder - vornehmer - wegen erneut "veränderter Gefahrenlage" zu kassieren, hält die Regierung in feiger Bequemlichkeit den Status quo aufrecht und nimmt damit millionenfache Tierquälerei durch Aufstallung und millionenfache vorzeitige Schlachtung von Hausgeflügel wegen fehlender Stallressourcen in Kauf. Die Hobbyhalter werden weiter zum Spießrutenlauf vor misstrauischen Nachbarn gezwungen, die inzwischen die alte deutsche Tugend der Denunziation wiederentdeckt haben 6) und sogar vor dem Gebrauch von Rattengift nicht zurückschrecken. 7)
Bruno Stubenrauch
------------------- 1) Jetzt Bundesweite Stallpflicht / Trittin sieht "veränderte Gefahrenlage" Nachrichten der Bundesregierung vom 24. Oktober 2005 http://www.nabu.de/m05/m05_03/04345.html http://www.bundesregierung.de/.../Eilverordnung-Nutztiere-muesse.htm
2) Moscow zoo vet attributes bird flu spread to illegal poultry trade RIA Novosti vom 27.10.2005 http://en.rian.ru/russia/20051027/41911603.html
3) Vogelgrippe: Zugvögel sind Opfer, nicht Täter In Asien kein Zusammenhang von Vogelzug und Virusausbreitung NABU, Internetartikel vom 1. September 2005 http://www.nabu.de/m05/m05_03/04347.html
4) Hintergrundinformationen zur Vogelgrippe und Hinweise für Vogelkundler Zeitschrift "Vogelwarte" vom 25. Oktober 2005 http://www.nabu.de/downloads/vogelschutz/vowa_249-260-vogelgrippe.pdf
5) Dead Ducks Don't Fly Internetseite Dr. Martin Williams, am 31. Oktober 2005 http://www.drmartinwilliams.com/birdflu/birdfluintro.html
6) Aktionismus und "nette" Nachbarn Kommentar in der Mainpost Franken vom 26. Oktober 2005 Artikel ansehen Zettel am Gartentürl eines Laufentenhalters
7) Gänse starben an Rattengift Spiegel online vom 25. Oktober 2005 http://www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,381661,00.html
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