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H5N1 auf Rügen

Die Vogelgrippe auf Rügen

Im Februar 2006 hat das Vogelgrippe-Virus H5N1 Deutschland erreicht. Oder war es schon vorher da und ist nur entkommen?

Der SPIEGEL schrieb am 18. Februar 2006:

Nach Angaben des ZDF entdeckten Reporter bei einem Hubschrauberrundflug Hunderte tote Vögel an der Südspitze der Halbinsel Bug, zwischen Rügen und der Halbinsel Ummanz sowie einige hundert Meter entfernt von der Insel Riems, dem Sitz des Bundesforschungsinstitutes für Tiergesundheit.

Grafik: ZEL
Meeresströmung nach Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie


In der WELT am Sonntag war am 19. Februar 2006 zu lesen:

Der Erreger sei nahe verwandt mit einem in der Mongolei und am Quinghai-See in China entdeckten Virus, sagt Thomas Mettenleiter, Leiter des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit.

Ohne Zweifel geht das Friedrich-Loeffler-Institut mit diesem Virus um. Zu den Aufgaben des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza im Friedrich-Loeffler-Institut (Bundes- forschungsinstitut für Tiergesundheit) auf der Insel Riems gehört nämlich:

  • die Bereithaltung von Referenzvirusstämmen
  • die Aufbewahrung von Virusisolaten aus bestätigten Seuchenfällen

Nach einem Bericht in der Welt vom 9. August 2005 wird im FLI außerdem aktiv mit dem H5N1-Virus experimentiert.

Im Internet ist inzwischen ein Artikel zu lesen, der sich direkt mit der These auseinandersetzt, das Virus stamme von der Insel Riems:
Vogelgrippe-Virus von der Seuchen-Insel?, Gerhard Wisnewski, 22. Februar 2006

Die FAZ hat dem Thema ebenfalls einen Artikel gewidmet. Der Gedanke an eine Virenfreisetzung durch das FLI läuft dort unter 'Verschwörungstheorie' und 'wirrer Vorwurf'. Ein Beitrag im Forum von laufenten.de setzt sich mit dem FAZ-Artikel auseinander.
Der Fluch der Ente, FAZ online am 10. März 2006
Forenbeitrag laufenten.de, 11. März 2006

Um Licht in die Angelegenheit zu bringen, hat der ZEL am 21. Februar 2006 das Verbraucherministerium angeschrieben und um Vorlage belastbarer Informationen gebeten, die ein Freisetzen des Virus durch das FLI entweder definitiv ausschließen oder bestätigen.

 Mail des ZEL an das BMELV vom 21.02.2006 (pdf, 125 kB)

Das Schreiben wurde am 22. Februar 2006 auch der FDP-Bundestagsfraktion, der Fraktion DIE LINKE im Bundestag und der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen übersandt mit der Bitte um Prüfung, ob dem Verdacht nicht mit dem parlamentarischen Instrument der Kleinen Anfrage nachgegangen werden sollte.

Am 3. März 2006 hat Dr. Bätza vom BMELV geantwortet, ohne jedoch irgendwelche belastbaren, für das FLI entlastenden Daten oder Dokumente vorzulegen. Wegen der Kürze der Antwort kann sie hier komplett wiedergegeben werden:

Von: Rolf.Heuser@bmelv.bund.de

Freisetzung von Viren durch das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI)

Sehr geehrter Herr Stubenrauch, auf Ihre Nachricht zu der genannten Problematik vom 21.2.2006 nehme ich Bezug und wiefolgt Stellung:

Der auf Rügen festgestellte Virusstamm ist zwar verwandt mit denen in Vietnam und China, aber nicht identisch. Mit dem "europäischen" Stamm wurde im genannten Institut vor dem ersten Ausbruch auf der Insel Rügen nie gearbeitet. Insoweit sehe ich die geäusserte Vermutung als haltlos.

Mit freundlichen Grüssen
Im Auftrag
Dr Bätza

Mehr als den Charakter einer Einzelmeinung hat die Mail nicht. Hierzu fehlt es einfach an Substanz. Die Argumentation ist zudem unter Einbezug der Mutationsfähigkeit von H5N1 leicht zu widerlegen. Wir haben deshalb unter nochmaliger Bezugnahme auf das Informationsfreiheitsgesetz 'amtliche Informationen' angefordert.

 erneute Mail des ZEL an das BMELV vom 05.03.2006 (pdf, 62 kB)

Nachdem sich mittlerweile auch Dr. Wolfgang Fiedler von der Vogelwarte Radolfzell salopp zum Thema zu Wort gemeldet hat ("der von vornherein wohl nicht ganz ernst gemeinte Vorwurf der Freisetzung der Viren aus dem FLI hat sich mit den Ausbrüchen am Bodensee ja wohl erübrigt"), haben wir ihm eine einfache Frage gestellt. Vielleicht kann wenigstens er unsere Bedenken zerstreuen, nachdem sich das BMELV weiterhin bedeckt hält.

 Mail des ZEL an Dr. Fiedler vom 16.03.2006 (pdf, 63 kB)

Herr Dr. Fiedler hat noch am 16.03.2006 geantwortet. Sein Satz zur Freisetzungstheorie sei im Zusammenhang zu sehen: eine Freisetzung an mehreren Stellen sei ebenso unwahrscheinlich wie die gleichzeitige Ausbringung von Hühnermist aus der Türkei an allen Ausbruchsstellen oder dass überall in Europa Wildvögel die Brücke geschlagen haben könnten. Er favorisiere die Annahme, dass das Virus bereits vor einigen Monaten "leise" eingetroffen sei.

Ob die in Italien, Frankreich, am Bodensee und auf Rügen gefundenen Viren identisch sind konnte er nicht bestätigen. Hierzu liegen ihm zu wenige und zu wenig belastbare Informationen vor. Es soll "97% Ähnlichkeit zwischen all diesen mitteleuropäischen H5N1, denen vom Schwarzen Meer, denen von Westsibirien und denen vom Chinghai-See" bestehen. Dr. Fiedler ist - wie er sagt - zu wenig Virologe, um zu beurteilen, was dies für unsere konkreten Annahmen bedeute.